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Möge der Ewige sich erinnern…

Am 9. Mai dieses Jahres verstarb Margot Friedländer, eine Überlebende der Schoa, im
104. Lebensjahr. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands kehrte sie im Jahr 2010 aus New York nach Berlin zurück und engagierte sich fortan aktiv in Bildungsprogrammen mit Jugendlichen. Sie berichtete von dem, was ihr als junge Frau in Berlin und im Konzentrationslager Theresienstadt widerfahren war. Auf diese Weise schlug sie Brücken zwischen Juden und ihrer Umgebung in Deutschland.
Einige Tage nach ihrem Tod wurden wir gefragt, ob wir ein Gedenken zu ihren Ehren veranstalten würden. Darauf antwortete ich, dass wir keine solche Veranstaltung planen, denn so sehr ihre Verdienste auch anerkannt werden müssen, war sie kein Mitglied unserer Gemeinden hier im Land. Zudem lebt hier kein naher Verwandter von ihr, denen gemäß unserer jüdischen Tradition die Pflicht zukommt, der Verstorbenen zu gedenken.
Anders liegt der Fall bei der Jüdischen Gemeinde Berlin, deren aktives Mitglied sie war. Sie stand in engem Kontakt zu den Vorständen und Rabbinern verschiedener Synagogen der Stadt. Ein ausdrücklicher Wunsch von ihr war es, dass sowohl ein liberaler Rabbiner als auch ein Rabbiner von Chabad an ihrer Beerdigung teilnehmen mögen. Da Margot Friedländer in ganz Deutschland als bedeutende Persönlichkeit bekannt war, nahmen an ihrer Levaya, der Beerdigungszeremonie, Vertreter der politischen Führung Berlins und der Bundesrepublik teil – sowohl amtierende als auch ehemalige. Die Trauerhalle war so überfüllt, dass der Berliner Fernsehsender RBB die Zeremonie live übertrug, um es der Gemeinde und den Bürgern der Stadt zu ermöglichen, sich von ihr zu verabschieden. Viele Menschen kamen oder verfolgten die Übertragung, um ihr aus innerem Antrieb die letzte Ehre zu erweisen.
In seiner Hesped, der Trauerrede, erinnerte der Berliner Rabbiner Sivers daran, dass ein Mensch weiterlebt, solange man seiner gedenkt – und auch sein Werk weiterwirkt. Was dabei jedoch nicht gesagt wurde: Nach jüdischer Überlieferung liegt die Pflicht des Gedenkens in erster Linie bei den nächsten Verwandten des Verstorbenen. Unsere Weisen lehren, dass man verpflichtet ist, Trauer zu halten und das Andenken an Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Bruder, Schwester sowie Ehepartner zu bewahren. Für andere Verstorbene darf man trauern – man muss es aber nicht.
Die Seelen dieser nahen Verwandten sind mit unserer eigenen Seele verbunden, und wenn wir ihrer gedenken – und noch mehr, wenn wir in ihrem Andenken gute Taten verrichten – so wird dies ihnen im Himmel angerechnet, als würden sie selbst in dieser Welt weiter wirken.
An Schawuot, das in diesem Jahr auf den 2. und 3. Juni fällt, gibt es in unserem Gottesdienst einen besonderen Abschnitt, in dem wir all derer gedenken, die uns lieb und teuer sind, aber nicht mehr unter uns weilen. Wir versuchen, die Fäden zu bewahren, die unsere Generation mit den vorhergehenden verbinden. Wer krank ist oder sich unsicher fühlt, ob er selbst die Gebete entsprechend unserer Tradition sprechen kann, kommt vorher in die Synagoge und bittet die Mitglieder des Minjans, in seinem Namen das entsprechende Gebet zu sprechen. So ist es in jüdischen Familien üblich.