rabbin 7

Sommerzeit, Ferienzeit?


Der Sommer 2025 steht für viele unserer Gemeindemitglieder unter einem bedrückenden Vorzeichen: Die Eskalation des KonAlikts zwischen Israel und dem Iran hat eine neue Qualität erreicht. Die Luftangriffe, Gegenschläge, Cyberattacken und strategischen Drohgebärden zwischen beiden Staaten sind nicht mehr nur ein geopolitisches Thema des Nahen Ostens – sie reichen tief in das Sicherheits- und Selbstverständnis jüdischer Gemeinden weltweit hinein. Auch in Mecklenburg Vorpommern ist diese Entwicklung spürbar: auf der Straße, in sozialen Netzwerken, in jüdischen Gemeinden.
Viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde erleben in diesen Monaten eine Verstärkung von Sorgen, die längst nicht neu sind, aber durch den aktuellen KonAlikt neue Nahrung erhalten haben. Der bekannte Vers aus Kohelet (3:8) beschreibt: „Eine Zeit des Kriegs und eine Zeit des Friedens.“ Die Frage, in welcher Zeit wir leben, stellt sich heute mit neuer Dringlichkeit.
Der zunehmende Hass gegen Israel schlägt in vielen Fällen unverhohlen in Antisemitismus um. Jüdinnen und Juden werden nicht als deutsche Staatsbürger mit israelischen Angehörigen betrachtet, sondern als „verlängerter Arm Israels“, der mit Repressalien, Drohungen und Angriffen konfrontiert wird. In Großstädten wie Berlin, Frankfurt oder Hamburg ist der Polizeischutz für Synagogen, jüdische Schulen und Gemeindezentren erneut verstärkt worden. Die Angst vor Angriffen auf offener Straße, vor Verleumdung und Isolation steigt. Besonders bedrückend ist dabei die Erfahrung, dass viele dieser Aggressionen aus der Mitte der Gesellschaft kommen – aus politischen Lagern, die sich mit vermeintlich „antizionistischen“ Parolen tarnen, aber tief antisemitische Muster bedienen.
Doch dieser Sommer ist nicht nur von Angst geprägt. Viele von uns erleben auch eine neue Form der Solidarität: mit Israel, mit jüdischem Leben, mit der Idee eines gemeinsamen Schicksals. Der Psalm 121 sagt: „Hine lo janum we-lo jischan, schomer Jisrael“ – „Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.“ Diese Worte sind zu einem stillen Mantra geworden – sie tragen durch dunkle Tage und geben Hoffnung, dass jüdisches Leben weder bedroht noch entmutigt werden kann.
Hoffnung schöpfen viele auch aus der sichtbaren Entschlossenheit junger Jüdinnen und Juden, die sich nicht verstecken wollen. Veranstaltungen im Gedenken an israelische Opfer, Mahnwachen, Bildungsangebote und Dialogformate zeigen, dass jüdische Identität nicht allein defensiv gelebt wird, sondern aktiv, stolz und mit einem klaren Wertekompass.
Unsere Gemeinden stehen vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen einerseits Sicherheit und Schutz gewährleisten, andererseits Räume für Hoffnung, Trost und Zusammenhalt schaffen. Die Synagogen erleben in diesem Sommer eine Zunahme der Besucherzahlen – nicht aus Neugier, sondern aus dem Bedürfnis, sich zu verbinden, gemeinsam zu beten und Kraft zu schöpfen. Der Vers aus Jeschajahu (41:10) gibt vielen Mut:
„Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; sei nicht ängstlich, denn ich bin dein Gott.“
Zugleich Aindet eine Neuorientierung im Dialog mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft statt. Viele Gemeindemitglieder erwarten nicht mehr nur Empathie, sondern klares Handeln: gegen antisemitische Hetze, gegen Relativierungen in Medien und Politik, und für die Sichtbarkeit jüdischen Lebens als integralen Teil Deutschlands.
In einer Zeit, in der der Krieg zwischen Israel und Iran reale und symbolische Wellen bis nach Europa schlägt, ist es unsere Aufgabe als jüdische Gemeinschaft in MV, die Balance zwischen Wachsamkeit und Vertrauen zu halten. „Od lo avdah tikvatejnu“ – „Noch ist unsere Hoffnung nicht verloren“, heißt es in der „Hatikwa“. Diese Hoffnung lebt auch in den Herzen derer, die heute in Deutschland jüdisches Leben gestalten – zwischen Afngsten und Visionen, zwischen Bedrohung und Beständigkeit.